Antizyklisches Nähen oder Hochsommerkleid bei 5 °C

Burda 1142/2013

Schön, wenn man seiner Zeit voraus ist – oder schwer hinterher hinkt, je nach Sichtweise… So ging es mir jedenfalls mit dem Ergebnis meines Stoffgeschenks, das mir mein Paps letztes Jahr im Sommer zum Geburtstag machte: zwei Meter eines schwarz-lila-orange-pink-gemusterten Flutsch-Plastik-Jerseys, nebst – mein Paps ist super –  farblich passendem Nähgarn und Jerseynadeln (da hat er aber 1A-Beratung gehabt!). Plastik-Jersey wäre zwar nicht meine erste Wahl gewesen (*hust*), aber nun, irgendwas musste ich ja jetzt draus machen.

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Der Stoff ist wirklich sehr dünn, so dass ich mich fragte, was daraus zu fertigen sei. Bluse? Ähm, ist mir zur Zeit noch zu anspruchsvoll. Tunika-Shirt-sonstiges Oberteil? Hm. Nee, nicht in der Qualität und Farbe. Blieb noch ein Sommerkleid.

Mir kam es daher ganz gelegen, dass ich auf der AnNäherung mein Wasserfall-Drappé-Shirt gebastelt habe und es passend dazu eine ärmellose Kleidervariante gibt. Dass die Ärmellosigkeit mich noch vor unlösbare Rätsel der Nähphysik stellen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch nicht, dass meine geliebte Uralt-Nähmaschine eine eingebaute Zensur besitzt und sich weigert, so dünnes Plastik-Zeugs zu nähen. Sie zeigt das, indem sie hinterhältigerweise Stiche auslässt… Dank einer hilfsbereiten Nähgemeinde und Twitter konnte ich sie durch das Mitnähen von Haushaltspapier austricksen. Wobei ich jetzt darauf zähle, dass die Waschmaschine die restlichen Fetzen unter den Nähten wegwäscht.

Papier_naehen

Sobald dieses Problem ersteinmal behoben war, ging das restliche Nähen auch ganz flott. Bis auf das Wenden und Nähen von Beleg und Schulternähten. Da gab es nämlich diese gefürchteten Präliminarien, die das anschließende Bügeln auf dem Kochlöffel zur Folge haben.

Kochloeffelmethode

Und dabei habe ich mir aber sowas von die Karten gelegt!

Ich weiß nicht, wie oft ich mein Kleid durch die Träger gezogen habe, in der Erwartung, durch Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum mein Kleid in einem Paralleluniversum mit passenden Belegen auf rechts gedreht zu haben.

Da halfen noch nicht einmal gutmeinende Twitter-Tipps, Linklisten oder das Lesen von Kommentaren aus der Burda-Community, die das zeitgleiche Vernichten von Rotwein zum Anleitungslesen vorsahen. Erst ein Besuch im örtlichen Nähcafé. Dort wurde mir gezeigt, dass man einfach, wenn alles noch auf links gedreht ist, einen vorderen Träger wendet, dann auf den hinteren klappt, um ihn dann unter den Beleg zu öseln und ihn hinterher oben (wo selbstverständlich noch alle Nähte offen sind, Mrs Go!) einfach zusammen näht. Der Beleg wird dann wieder auf rechts gestülpt und wie durch Zauberhand ist alles richtig herum! Wie das funktioniert, habe ich Schritt für Schritt fotografiert und werde das hier gerne noch mal genauer zeigen. Vielleicht steht irgendjemand aus der Nähnerdgemeinde ja mal genauso ratlos auf dem Schlauch wie ich.

Burda Drapekleid 114 2/2013Das ist zwar nicht ganz das, was Burda in der Anleitung vorschwebt, aber ich finde, der Erfolg gibt Recht!

So, nun habe ich im Noch-Winter ein fertiges Hochsommerkleid aus dünnem Flutsch-Jersey. Das Muster gefällt mir ganz gut (auch wenn ich beim Zuschnitt eine Asymmetrie im Vorderteil erzeugt habe) und das Tragegefühl bei winterlicher Raumtemperatur ist „erfrischend“. Mal sehen, wie es sich dann im Sommer macht.

Queste-Faktor:
Nähen: im Prinzip einfach, wenn man die Konstruktion des „Drapéteils“/Wasserfalls bereits kennt. Nun gut, zickiger Stoff und Verständnisprobleme bei der Anleitung sind Hürden, bei denen Hartnäckigkeit, Unbeirrbarkeit und kompetenter Rat gefragt waren. Da der Schnitt in meiner Größe 2,25 m Stoff vorsah, musste ich tricksen und so habe ich dem Rückenteil eine Taillennaht spendiert und es als Ober- und Rockteil getrennt zugeschnitten. Ansonsten habe ich noch die Änderungen vom Shirt übernommen und den Saum verlängert.
Glücksfaktor: Hm! Jetzt, wo das Ding besiegt ist, schon. Vorher zeitweise ein Quell der Verzweiflung.
Wiederholungsfaktor: jahaa…, irgendwie schon. Der Schnitt fällt doch ganz nett.

Und für alle, die angesichts der Burda Anleitung ebenso ratlos sind wie ich, hier eine kleine Linksammlung zur „Kochlöffelmethode“, bzw. Trägeroberteil verstürzen:
Futterwenden von Stichelbeere
Tutorial für Kochlöffelphobiker von Julia
Trägeroberteil verstürzen von Anmasi
Und der Tipp mit dem Rotweintrinken zum Anleitungslesen in der Burda Community

Die Krux an der Sache bei den ganzen Tutorials und Hinweisen war, dass dort meist mit Schnitten mit Reißverschluss im Rückenteil gearbeitet wurde und diese ganz andere Möglichkeiten für die Entstehung von Wurmlöchern bietet, durch die man dann das Kleid durchziehen und wenden kann (glaub‘ ich)…

Nachtrag: hier beim Sew Along mit Colette Patterns ist es ganz gut beschrieben und es gibt sogar ein Video dazu

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